ECPAT Österreich, Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Rechte der Kinder vor sexueller Ausbeutung

Kinderschutz bei Flucht und Migration

Hintergrundinfo

Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Familie ihre Heimat verlassen mussten, oder unterwegs von ihren Angehörigen getrennt wurden, sind besonderen Risiken ausgesetzt und benötigen deshalb besonderen Schutz.

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Aktivitäten

Hier finden Sie Infos zu aktuellen themenbezogenen Veranstaltungen wie Konferenzen und Fachtagungen, aber auch Ankündigungen über neues Kampagnenmaterial und Publikationen.

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Hintergrundinformationen

Kinder und Jugendliche, die sich allein auf den Weg machen bzw. von ihren Eltern getrennt wurden, sind besonders gefährdet, Opfer von Gewalt, Übergriffen sowie Ausbeutung und Menschenhandel zu werden. Dies betrifft sowohl die Reise selbst, wie auch den Aufenthalt nach der Ankunft. Dies zeigen zahlreiche Studien und regionale Assessments, die in vergangenen 1,5 Jahren entstanden sind.

Die Fluchtgründe von Kindern sind denen der Erwachsenen oft sehr ähnlich. Menschen fliehen vor Krieg, Bürgerkrieg und anderen bewaffneten Konflikten, Krisen und Gewalt, vor Unsicherheit in fragilen Staaten, Armut und Perspektivlosigkeit, vor Notsituationen und Naturkatastrophen, politischer Verfolgung oder Verfolgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppe.

Die allgegenwärtige sexuelle Gewalt in Kriegs- und Konfliktgebieten und in fragilen Staaten hat als Fluchtursache eine hohe Bedeutung. Kinder und Jugendliche sind zudem von kinderspezifischen Fluchtursachen betroffen. Dazu gehören unter anderem Erfahrungen oder Androhung von sexueller Gewalt, Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung, Ausbeutung jeglicher Art, einschließlich Kinderarbeit, Kinderhandel oder Sklaverei, sexuelle Ausbeutung oder Ausbeutung im militärischen Bereich.

Im Aufnahmeland stellen sich dann meist besondere Herausforderungen. Oft ist es schwierig, die Kinder bzw. Jugendlichen in einer Einrichtung zu halten. In den vergangenen zwei Jahren sind etliche Länderstudien zum Thema Abgängigkeit von Kindern auf der Flucht im Zusammenhang mit Schutz und Vormundschaft entstanden. Was sich im europäischen Vergleich zeigt sind einerseits individuelle Risikoprofile, andererseits externe Faktoren, die dem Schutz von Kindern auf der Flucht dienlich sind oder aber das Risikopotential erhöhen. Besonders gefährdet sind Kinder, die „untertauchen“ oder einfach verschwinden. Dies kann durchaus „freiwillig“ sein, oft aber kann auch eine besondere Gefährdungssituation im Hintergrund vorhanden sein, z.B. Ausbeutung und Menschenhandel. Eher gefährdet sind Studien zufolge unbegleitete Minderjährige, die kein Asyl beantragen sowie Angehörige von Minoritäten. Auch verschwinden weniger oft Kinder aus dauerhaften, kindgerechten Unterbringungseinrichtungen mit intensiver Betreuung. Dazu kommen individuelle Risikofaktoren wie z.B. Behinderungen, Krankheiten, Druck seitens der Familie im Herkunftsland oder seitens von Erwachsenen, die das Kind ausbeuten und in eine starke Abhängigkeit bringen.

Als zentrale Aspekte des Kinderschutzes im Kontext von Flucht und Migration erweisen sich jedoch die Obsorge- und Vormundschaftsregelungen in unterschiedlichen Ländern sowie die Unterbringungs- und Betreuungssituation. Besonders häufig verschwinden Kinder aus temporären Erstversorgungseinrichtungen bzw. Aufnahmezentren. Daher ist es von zentraler Bedeutung, auf allen Ebenen des Verfahrens bzw. der Unterbringung, Kinderschutzmaßnahmen bzw. Gewaltschutzkonzepte einzuführen, um unbegleitete Kinder generell vor Gewalt und Ausbeutung besser schützen zu können bzw. ihnen rasch und professionell helfen zu können, sollten sie bereits Opfer von Gewalt geworden sind. Wichtige Maßnahmen eines Schutzkonzeptes sind beispielsweise Schutzzonen für Frauen und Kinder sowie entsprechende Meldeverfahren bei Verdacht auf eine Gefährdung. Diese Informationen müssen aber für Kinder entsprechend niederschwellig aufbereitet und in allen relevanten Sprachen zugänglich sein.

Forderungen

Um unbegleitete Kinder generell vor Gewalt und Ausbeutung besser schützen zu können bzw. ihnen rasch und professionell helfen zu können, sollten sie bereits Opfer von Gewalt geworden sind, fordern wir:

 

  • Die Einführung von Kinderschutzmaßnahmen bzw. Gewaltschutzkonzepte auf allen Ebenen des Verfahrens bzw. der Unterbringung, wie zum Beispiel
  • Schutzzonen für Frauen und Kinder


  • entsprechende Meldeverfahren bei Verdacht auf eine Gefährdung


  • Informationen müssen für Kinder entsprechend niederschwellig aufbereitet und in allen relevanten Sprachen zugänglich sein

 

 

 

Aktivitäten

Erster Maßnahmenkatalog der EU zum Schutz von Flüchtlingskindern

12. April 2017 - Die Europäische Kommission hat am 12. April einen Maßnahmenkatalog vorgestellt, um den Schutz minderjähriger Migranten, Kindern auf der Flucht und unbegleiteter Minderjähriger in Europa zu erhöhen. Damit verknüpft die Kommission erstmals die Bereiche Migration, Asyl und Kinderschutz. Ein zentraler Punkt ist der Aufbau eines europäischen Vormundschaftsnetzwerkes und das Training von Vormündern, um Kinder bedarfsgerecht zu unterstützen. Den Maßnahmenkatalog finden Sie hier

Fachtagung „Lost in Migration – Unbegleitete Kinder und Jugendliche auf der Flucht“

5. April 2017 - Mit der Fachtagung „Lost in Migration – Unbegleitete Kinder und Jugendliche auf der Flucht“ wollten die Kinder- und Jugendanwaltschaften für die besonderen Bedürfnisse von unbegleiteten Minderjährigen sensibilisieren. Kinderhandel, Schlepperei und kinderspezifische Fluchtgründe sind oft Themen, die im Dunkeln liegen. Zusätzlich wurden von namhaften ExpertInnen Maßnahmen zum Schutz von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen diskutiert und die Förderung der nationalen und internationalen Zusammenarbeit besprochen. Die Vertreterin von Missing Children Europe hat unter anderem die Ergebnisse des Projektes SUMMIT (Safeguarding Unaccompanied Migrant Minors from going Missing) präsentiert. Astrid Winkler, Geschäftsführerin von ECPAT Österreich, hat im Rahmen der Tagung einen Vortrag zu „Kinderschutz im Kontext von Flucht und Migration“ gehalten. Den Abstract finden Sie hier. Alle Infos und Unterlagen zur Tagung hier. Die Tagungsbroschüre gibt einen sehr guten Überblick über kinderrechtliche Grundlagen zum Thema.

Europarat warnt vor erhöhter Verletzlichkeit von Kindern auf der Flucht

20.März 2017 - Ein Bericht des Ausschusses zum Übereinkommen des Europarates zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch (kurz: Lanzarote-Konvention) warnt vor erhöhter Verletzlichkeit für sexuelle Gewalt und Ausbeutung von Kindern im Kontext von Flucht und Asyl.

  • Dem Bericht zufolge sind im Jahr 2016 bis zu 60% der unbegleiteten Minderjährigen, die in unterschiedlichen europäischen Ländern aufgenommen wurden, aus den Einrichtungen verschwunden. In Deutschland wurden zwischen Januar und Juni 2016 134.615 minderjährige Asylbewerber_innen registriert. Knapp 9.000 unbegleitete Minderjährige sind bis Juli 2016 verschwunden, so das Bundeskriminalamt. 867 von ihnen waren jünger als 13 Jahre alt.
  • Um diese Gefahren zu verhindern, müssten sowohl Fachleute für mögliche Anzeichen von Menschenhandel sensibilisiert werden, als auch die Kinder selbst über ihre Rechte und Möglichkeiten aufgeklärt werden.

Projekt "Protecting Children"

10. Jänner 2017 - Im Rahmen des Projektes „Protecting Children“, bei welchem IOM in Kooperation mit UNHCR, UNICEF und Save the Children, den Kinderschutz im Kontext von Flucht und Migration stärken will, führt ECPAT Österreich gemeinsam mit IOM Trainings durch. Dadurch sollen Personen, die an der Grenze im Einsatz sind, sowie Betreuungspersonen dieser Kinder und Jugendlichen, bezüglich Kinderhandel sensibilisiert werden. Die Projektziele sind: Gewalt gegen Kinder im Kontext von Flucht und Migration verhindern, Kinderschutzkonzepte stärken und unterstützen, durch Trainings Bewusstsein für Kinderschutz schaffen, sowie Monitoring und Datenerhebung der Situation dieser Kinder. Die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder sollen identifiziert und garantiert werden, damit adäquate Kinderschutzmaßnahmen implementiert werden können.

Projekt und Studie ReACT - Reinforcing Assistance to Child Victims of Trafficking

November 2016 - Die ECPAT-Gruppen in Deutschland, Belgien, UK, Frankreich und den Niederlanden haben im Rahmen des gemeinsamen Projektes ReACT (Reinforcing Assitance to Child Victims of Trafficking) kinderfreundliches Infomaterial erstellt: Ein Video und die Broschüre „Ich brauche Hilfe“, erklären Flüchtlingskindern und unbegleiteten Minderjährigen verständlich ihre Rechte (Zugang zum Arzt, zur Schule, etc.) und zeigen, wo sie Hilfe und Unterstützung bekommen. Beides ist in 13 Sprachen verfügbar.

Weiters zeigt der Projektbericht „Better Support – Better Protection“ Schritte auf, wie RechtsberaterInnen und Obsorgebevollmächtige minderjährige Opfer von Kinderhandel besser unterstützen können.